weihnachten, zweitausendzwölf

tl;dr: irgendwas über weihnachten. beziehungen. und beziehungen zu weihnachten. und zuviel streeruwitz habe ich gelesen in den letzten tagen und zuviel matrix geschaut und deswegen.

weihnachten, zweitausendzwölf

sie solle wenigstens einmal hier bleiben, und das wäre ja wohl auch nicht zu viel verlangt von ihr, dass sie zumindest heute hier bleiben würde. schließlich wäre weihnachten und die autofahrt. sie könne sich wohl die eineinhalb stunden mit ihm unterhalten, und er verstehe es ja noch, wenn ihr das alles zu viel wäre, die verwandten und die gespräche nachher, aber jetzt mit ihm allein, da könne er das absolut nicht nachvollziehen, warum sie nicht bei ihm bleiben wolle und sich mit ihm unterhalten.

er hatte ihr mit der hand die ohrstöpsel herausgezogen, während er das auto wendete. rückspiegel, über die schultern schauen. der scheibenwischer, das motorengeräusch und aus den ohrstöpseln leise die musik, die vorher noch laut in ihrem ohr-
wie sie so laut musik hören könne, ob sie sich die ohren denn kaputt machen wollte? Und später dann solle sie ihm dann nicht vorjammern, wenn sie tinnitus bekommen oder taub war.
sie verspürte lust auszusteigen, einfach die tür öffnen, den gurt lösen und sich auf die straße fallen lassen, so wie der typ in diesem hollywoodfilm, aber der name des filmes fiel ihr nicht ein und außerdem fuhren sie auch viel zu schnell, weil sie schon wieder zu spät losgefahren-
warum er sich jetzt mit ihr unterhalten wolle?

es funktionierte zwischen ihnen sowieso besser, wenn sie nicht miteinander redeten. wenn sie beide ihr eigenes leben, ihre arbeit, nicht sprachen, sich gelegentlich anschrien, dann der sex oder umgekehrt. und sie verstand das ja schon, dass er das als beleidigung sah, dass sie lieber in ihren gedanken versunken aus dem fenster schaute, lieber nochmal den letzten absatz überarbeiten oder ein wütendes mail im kopf schreiben oder dialoge führen mit personen, die sie nicht kannte oder nicht so gut, wie sie wünschte. und früher, wie sie noch nicht zusammen waren, da hatte sie auch oft mit ihm geredet und mit ihm diskutiert und gestritten, lange bevor sie wirklich diskutiert und gestritten hatten, aber dann wie es tatsächlich geworden war, war es noch lange nicht so aufregend und man konnte dinge auch im nachhinein nicht mehr umschreiben, das ginge wohl nicht.

und natürlich. die konventionen. es war ja weihnachten und da musste man miteinander reden, und man sollte sich verstehen, und sollte in die mette gehen und die verwandten besuchen, und dann sollte man natürlich sein kind sehen, und sollte zumindest so tun, als würde man sich mit der exfrau seines mannes verstehen, obwohl die angie sie wirklich hasste, nicht so sehr, weil sie ihn noch wollte, sondern eher weil sie es als beleidigung ansah, dass er jetzt mit ihr zusammen war. weil die angie war ja perfekt und angepasst mit ihrer braunen naturhaarfarbe und den perfekt manikürten nägeln und ihrer body-mass-index-idealfigur und ihrem bürojob. über die arbeit hatten die zwei sich ja auch kennengelernt -eh klar. und sie war das gegenteil davon mit ihren gefärbten haaren, und ja der lack wollte auf ihren nägeln eh nie halten, und den bmi, den konnte man bei ihr auch vergessen, und auf sport stand sie auch nicht so, dass war dann immer gleich langweilig, vor allem, wenn sie dann nicht abschalten konnte und deswegen. außerdem ging ihr dieser gesundheitswahn sowieso auf die nerven, den hatte er auch, und dann machte er wieder gleich sport nach der arbeit, fitnessstudio und so, und sie solle doch mal mitkommen und dass würde ihr mal gut tun, sie solle nicht immer nur daheim herumsitzen und dann würde sie auch viel zu viel fortgehen, noch immer, sie wäre ja auch keine zwanzig mehr. Und da hatte sie dann jedes mal den zwang, das genaue gegenteil von dem zu machen und deswegen, nur deswegen kaufte sie überhaupt diese fertiggerichte und cola, obwohl sie beides nicht leiden konnte. und nur deswegen rauchte sie überhaupt noch, eh nur, wenn er da war, damit er das mal kapierte, wie scheiße sein gesundheitstrip eigentlich war.

und sie konnte die angie ja verstehen, weil sie war ja die kule tante für deren sohn, die ihm immer teure geschenke machte und die paar tage im jahr, wo sie auf ihn aufpassten, da bekam er natürlich alles, weil sein vater hatte ja auch ein schlechtes gewissen ihm gegenüber, und die teure schule, die zahlte ja auch sie- und seine mutter wird sie heute sicher wieder so von der seite anschauen, und dann fragen, ob sie nicht schwanger wäre. und sie würde gar nichts dazu sagen. und er würde irgendeinen blöden scherz über ihre figur machen. Und dann würden alle lachen, außer ihr. und ob sie denn keinen spaß verstehen würde, würde sie dann wieder gefragt werden. und dann würde sie wieder nichts und er würde sagen, ja so wäre sie halt. so wäre sie halt schon immer gewesen. und sie würde wieder nichts sagen, weil ja weihnachten und so und da war sie dann zumindest nett genug bei seinen eltern den mund zu halten, obwohl sie sonst sicher gegangen wäre oder gesagt hätte, dass sie schon spaß verstehe. mit betonung auf spaß.

und über kinder hatten sie ja geredet und sich dazu entschlossen, dass die nicht in ihren lebensstil passen. weil sie beide so viel arbeiteten und deswegen. mit kindern konnte man sich dann nicht mehr so offen, da musste das dann alles hinter geschlossenen türen und deswegen. und er hatte ja schon einen sohn und ihm reichte das. der war ja auch sein ganzer stolz. und sie wollte und hatte nie gewollt. und sie passten ja auch auf. nur einmal, da war sie dann doch- aber das hatte sie dann früh genug gemerkt, und sie hatte ihm das dann auch nicht erzählt, weil sie sich dann doch nicht sicher war inwiefern, dass dann alles nur konvention war bei ihm oder ob er nicht doch zu viel katholisch wäre, und wenn er dann nicht zugestimmt hätte. naja, gemacht hätte sie es trotzdem, aber das wäre dann wohl ein trennungsgrund gewesen oder es hätte ihn kaputt gemacht, mit all dem was er machen musste und sollte. und deswegen, nur deswegen hatte sie es ihm dann nicht-

und jetzt hatte er sie irgendwas gefragt, weil er sie so von der seite anschaute und schaltete in die fünfte, streifte dabei ihr knie, weil sie schon wieder im schneidersitz saß. am beifahrersitz. und das war auch nicht besonders intelligent von ihr, wiederholte sie im kopf seine worte, die er nicht mehr sagte, weil über manche dinge, da stritten sie auch nicht einmal mehr. und jetzt nickte sie, und sagte hmm und das müsste reichen, und er redete irgendwas von seiner arbeit oder von seinem vater. aber jedenfalls nichts, was sie nicht schon tausendmal gehört hatte und deswegen. Und sie hatte nicht einmal ein schlechtes gewissen, weil sie genau wusste, dass er ihr auch nicht zuhörte, weil das tat er ja prinzipiell nicht. und deswegen. aber das war eigentlich auch keine ausrede.

und jetzt war das kleid hochgerutscht und sie setzte sich ordentlich hin und zog es nach unten und still sitzen konnte sie auch nicht. sie musste sich alle paar minuten einmal bewegen, sonst hatte sie das gefühl, dass sie nicht mehr existierte und er legte seine hand kurz auf ihr knie und lenkte mit einer hand und das war so typisch, so typisch er, aber das war in ordnung und dann bremsen, weil schon wieder ein kreisverkehr. es war auch überhaupt nicht mehr möglich gerade aus zu fahren, weil die ganzen kreisverkehre, die strecken unterbrachen und das wäre wohl ein gutes thema für smalltalk und sie warf das mal ein in das gespräch und er lachte und sagte, dass das typisch, so typisch für sie wäre aus allem eine philosophische diskussion zu machen und ob sie nicht doch zumindest andere schuhe anziehen könnte, wenn sie dann bei seinen eltern- weil im kofferraum da lägen noch ihre high heels vom letzten ball.

nein, natürlich nicht, was das denn überhaupt für eine frage sei. und dass sie sich doch ausdrücken müsste zumindest über ihre schuhe, über ihre verdammten schuhe. ja, außerdem high heels in der kirche dann, das wäre sogar ihr zu kalt, dann wäre sie halt die nächsten tage krank und würde im bett liegen. womit er auch kein problem hätte, warf er ein und grinste und sie ignorierte das. und er solle froh sein, dass sie nicht die pinke baumwollstrumpfhose zu dem kleid angezogen habe. und dass sie das kleid überhaupt tragen würde, wäre schon ein weihnachtsgeschenk für ihn. wohl eher ein weihnachtswunder warf er ein und lachte und sie lachte auch.

und er hatte ihr das kleid ja geschenkt, gestern. weil gestern hatten sie zu zweit gefeiert und er hatte ihr das kleid, damit sie es anzog, heute, damit sie nicht so aussah wie sie, wenn sie zu seinen eltern. und deswegen hatte sie dann auch ihre docs ausgegraben, die knallpinken lackfarbenen und dazu angezogen, und er hatte sie angeschaut und gar nichts gesagt, aber sie hatte gesehen, dass seine lippen sich doch zu einem lächeln. und sie hatte ihm diese dvd collection geschenkt, die er sich sonst nicht gekauft hätte, und dann die uhr, die er sich sicher nicht- und er hatte sich gefreut darüber und sie hatte sich auch gefreut, nicht über das kleid, aber über den abend. und über die kette, die er ihr gekauft hatte, für ihren ring. weil sie den ehering nicht tragen konnte, weil sie keine ringe mochte und jetzt konnte sie ihn dann umhängen. weil das war auch so eine kompromisslösung– so wie die hochzeit auch. weil ihm war das ja wichtig gewesen und ihr war es dann auch egal. und außerdem hatte sie damit dann alle schockiert von ihren freund:innen und die bei der arbeit hatten sie auch schief angeschaut, weil wie konnte sie nur. konnte sie nur dieses heteronormative konservative familienidyll dadurch fördern, und dann auch noch so eine traditionelle hochzeit. und ganz schockiert waren alle darüber gewesen, weil das ja überhaupt nicht zu ihr passte und dass sie überhaupt alle immer gedacht hätten, gerade bei ihr, und dass sie sich doch früher selbst über solche lustig gemacht hätten und dass sie doch so gut mit der mia zusammengepasst hätte und selbst wenn das nicht, dann hätten sie nicht gedacht, dass das bei ihr nur so eine phase. da hatte sie dann gar nichts mehr dazu gesagt, weil das auch nichts gebracht hätte. zu sagen, dass das keine phase gewesen wäre und dass sie die mia… und dass sie jetzt halt ihn, und das und c’est la vie. und die verstanden dass ja auch nicht, wieso sie gerade jemanden wie ihn. die konnten sich ja nicht außerhalb ihrer szene bewegen, ohne durchzudrehen. die verstanden nicht, dass man mit verschiedenen perspektiven und so mit dem feind im bett. das hatte dann doch was. aber natürlich, zermürbte es sie auch. sie beide. weil es anstrengend war, jede sekunde angespannt und die ganze beziehung wie ein marathon- fast hatte sie es sich überlegt, seinen namen anzunehmen, nur um die in ihrem freund:innenkreis noch mehr zu schockieren, und nur deswegen. aber so weit war sie dann doch nicht gegangen, ihre ideale so weit zu verraten, nur um zu schockieren. das tat man dann höchstens der liebe wegen, und nur deswegen.

und? und?
sie seufzte. nein, wie bitte?
ob ihr das nicht langsam selbst zu blöd werden würde, dass sie immer so tat, als wäre sie so anders als alle anderen.
nein. wieso auch?
weil im endeffekt war das ja nur kindisch von ihr, und das wäre vielleicht noch lustig bei einer fünfzehnjährigen, aber sie wäre doch schon älter, nicht?
nein, sagte sie und ob er sie schon wieder provozieren wolle? ob das nicht langsam langweilig werden würde, wenn er sie immer wieder. und ob ihn das anmache? und ob das der richtige moment sei für so etwas.
dass man mit ihr nicht reden könne. ob sie nicht dazu fähig sei ein normales gespräch.
als ob er dazu fähig wäre.

und dann sagte sie er solle anhalten. sofort schrie sie und fast hätte es das auto geschleudert, aber er war ja so routiniert und er schaltete die warnblinkanlage ein. und sie löste den gurt und stieg aus und dann war sie sofort klitschnass, weil es so schüttete und er stieg auch aus und knallte die tür zu und fragte, ob sie jetzt den verstand völlig verloren hätte. und irgendein auto hupte, während es an ihnen vorbeizog und deswegen verstand sie nicht, was er sonst noch schrie, während er auf ihre seite kam und sie küsste ihn. Und er drückte sie gegen das auto und dann.

sie setzte sich auf den fahrersitz und achja, der sitz der passte überhaupt nicht. was sie vorhabe, fragte er während er einstieg und sie solle doch um gottes willen den spiegel einrichten, bevor sie losfahren würde. und er solle doch die hose ganz zumachen, weil OMG antwortete sie, weil er es hasste, wenn sie anglizismen verwendete und nur deswegen, nur deswegen tat sie es. Und dann startet sie den motor und jetzt fahren wir irgendwohin, jetzt vergessen wir das ganze, das ganze verdammte weihnachten und die geschenke, und die besuche und die verwandten und die blöde mette. und fahren irgendwohin, wohin auch immer. du bist ja verrückt warf er ein und lachte und sie lachte auch. und dann blinkte sie links und fuhr los.

wo sie schon wieder wäre, also es käme ihm wirklich so vor, als rede er mit sich selbst. ob sie denn nicht wenigstens heute hier bleiben- und sie wären jetzt übrigens da- sie solle sich jetzt mal zusammenreißen. und sie solle doch um gottes willen sitzen bleiben und er würde die regenschirme aus dem kofferraum holen, weil sonst wäre sie gleich klitschnass.

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5 Kommentare zu „weihnachten, zweitausendzwölf

  1. Schon schön.
    Ich mag Familie ja generell auch nicht so besonders und finde es deshalb auch sehr frustrierend, dass meine eigentlich sehr nett ist. Da wirkt man dann so unsympathisch, wenn man sie einfach trotzdem nicht leiden kann.

      1. Das ist bei mir weniger das Problem. Bei mir ist es eher, dass sich hinter den Nettigkeiten eben nichts verbirgt als … Nettigkeit.

      2. nettigkeit hinter der sich nur nettigkeit verbirgt…klingt fast etwas langweilig ;)…mein aufrichtigstes mitgefühl für diese untragbare situation.

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