all die verlorenen jahre: 1 halloben

tl;dr: irgendwas über familie – pflege in familien – demenz – generationen um ein trendwort zu verwenden.

Halloben

Halloben, schreit er und zieht jeden einzelnen Buchstaben in die Länge. Er ist kein Mensch, der wartet. Wenn nicht die Tür zum Wohnzimmer, das zu seinem Aufenthaltsraum umfunktioniert ist, aufgeht, wird sich sein Ausruf wiederholen, solange bis man ihn erhört.

Ob er uns sagen könne, wer dieser Ben sei, fragen wir nicht mehr. Darauf gibt es keine Antwort. Nach seinem Unfall hat er damit angefangen, als er sich an fast nichts erinnern konnte. Jetzt, wo es wieder besser geht, ist es geblieben. Manchmal versucht meine Mutter ihm beizubringen, sie bei ihrem richtigen Namen zu rufen. Und das funktioniert manchmal.

Meine Schwester ist heute aber schon bei ihm, bevor sein erster Schrei verklingt. Sie hört ihn manchmal auch in ihrer Wohnung rufen. Die ist über 50 km entfernt. Ob er sich denn gut ausgeruht habe, fragt sie und zieht ihm die Schuhe an. Was er denn gern machen wolle, fragt sie und schiebt das Gitter nach unten. Wie denn das Wetter wäre, fragt er während sie die Matratze per Knopfdruck waagrecht stellt. Ob wir denn auch geschlafen hätten, fragt er während sie ihm hilft sich aufzusetzen.

Heute hat er Glück. Es ist sonnig draußen, aber nicht zu heiß. Also darf er nach draußen gehen und in der Sonne sitzen. Er ist so braun, dass man denken könne, er wäre gerade von einem zweiwöchigen Türkeiurlaub heimgekommen. Ob er denn einen Durst habe, frage ich. Ja und nein, sagt er. Es komme darauf an, ob ich ihm etwas Gescheites bringen würde. Er meint damit etwas Alkoholisches. Ich mische Sirup mit prickelndem Mineralwasser und verkaufe ihm das als Mischung. Er schluckt es. Zur Not geht’s, kommentiert er.

In der Nacht schläft er meistens unruhig. Wenn er weiß, dass noch jemand von uns unterwegs ist, noch unruhiger. Oft bin ich oder meine Schwester noch wach, wenn er ruft. So um Mitternacht. Gott sei Dank wäre ich da, sagt er, als ich im Nachthemd hereinkomme. Er wolle wissen, was los sei. Wer da schießen würde. Wer die zwei Toten im Gang wären. Dass das nur ein Albtraum sei. Dass er an etwas Schönes denken solle, dann werde er auch gleich wieder einschlafen. An einen sonnigen Nachmittag, an einen guten Wein, sage ich. An Liebe machen, fügt er hinzu.

Abends gehen wir ins Bad. Dann wäscht er sich das Gesicht und die Hände, während ich seine Zähne putze. Ich bin immer schneller fertig. Letztens ist mir der Stöpsel der Zahnpasta hinuntergefallen und unter den Kasten gerutscht. Macht nichts, sagt er. Ist auf dem Boden auch noch deutsch. Ich sage nichts, ich versuche die Spinnweben nicht zu berühren, während ich meine Hand nach dem Stöpsel ausstrecke.

Wenn er dann im Bett liegt, weigert er sich manchmal die Tabletten zu nehmen. Die würden nichts helfen. Er könne wegen denen nicht schlafen. Uns solle der Teufel holen. Dann trinken wir ein Stamperl Schnaps mit ihm oder mehr als eines. Meistens erzählt er Geschichten von früher. Oder er reißt Witze, beleidigt uns und will, dass wir mit ihm darüber lachen. Manchmal geht er zu weit. Dass sie jetzt gehe, sagt meine Schwester. Dass sie sich nicht alles gefallen lassen müsse. Dass er sich bei ihr entschuldigen solle, sage ich. Er wüsste nicht, was er falsch gemacht hätte, sagt er. Er wird sich sicher nicht entschuldigen. Dann tut er wütend, aber ich merke, dass er verzweifelt ist. Er wisse nicht, was er falsch gemacht hätte, wiederholt er ängstlich.

Später erzählt er meiner Schwester, dass er sich noch nie bei jemand entschuldigt habe. Einmal, fängt er an, dreißig Jahre müsse das her sein, fügt er nach einigem Überlegen hinzu, habe er sich mit jemand gestritten und derjenige habe gemeint, er würde nie mehr mit ihm reden, wenn er sich nicht entschuldigen würde.

Mein Opa hat sich nie entschuldigt.

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11 Kommentare zu „all die verlorenen jahre: 1 halloben

  1. Demenz ist einfach eine Gemeinheit.
    Mir haben mal bei einer Gentechnikpodiumsdiskussion vor 20 Jahren oder mehr so ein paar Ideologengesichter in Bezug auf eine ganz andere Krankheit gesagt, Heilung durch Reparatur der Gene sei böse und Kranke hätten ein Recht darauf krank zu sein (hat mir so eine Gewerkschaftschefin – die muß es ja wissen als gesellschaftlich relevante Stimme – als Betroffenem glatt ins Gesicht gesagt.

      1. Die hat später auch noch das Bundesverdienstkreuz bekommen.
        Ich war noch nie so sprachlos wie in dem Moment.
        Hätte ich der doch nur sofort spontan eins aufs Maul gehauen, so wie Beate Klarsfeld das mit Bundeskanzler Kiesinger gemacht hat.
        Geht nicht mehr, wenn ich jetzt ins Erdreich runtergreife, verletze ich mir die Hand.

  2. Die größte Stärke liegt darin, den anderen Menschen zu erkennen und dabei sich selbst nicht zu vergessen. Nicht Wissen ist Macht, es ist das Verstehen, das uns stärkt.

  3. Ich mag deine Art zu schreiben.
    Das hat mich gerade sehr bewegt. Vielleicht, so habe ich damals bei meinem Opi immer gedacht, wenn ich ihn im Pflegeheim besuchte, ist es ja auch so, dass wir uns während eines Besuches auf Seelenebene begegnen, während sein menschliches Ich ängstlich und beleidigend ist und mich manchmal kaum zu bemerken scheint. Das hat mir immer unheimlich viel gegeben – diese Vorstellung davon, dass wir uns in diesen Augenblicken an einem Punkt getroffen und wahrgenommen haben, den wir nur nicht ermessen, erfahren konnten, als der menschliche Teil von uns, der da in diesem Heim saß. (Klingt das jetzt komisch? Hoffe nicht. Fiel mir nur gerade wieder so ein, als ich deine Zeilen las.)
    Liebe Grüße! 🙂

    1. merci 🙂 für das kompliment. ich finde deine überlegung dazu sehr schön. ich glaube auch, dass auf einer anderen ebene, als auf der klar ersichtlichen, dass schon was ausmacht, wenn man sich noch mit älteren menschen beschäftigt, selbst wenn sie eben schwierig sein können. Liebe Grüße, Lia.

    1. danke schön 🙂 wobei es für mich ja nicht so schwierig ist, weil ich mich nicht dauernd um meine großeltern kümmere, sondern nur wenn ich daheim bin bzw. wenn meine eltern auf urlaub fahren… da passe ich dann immer zusammen mit meiner schwester auf die beiden auf, und wir sind nach einer woche dann schon so fertig, obwohl wir zu zweit sind, dass ich keine ahnung habe, wie meine mutter bzw. überhaupt alle, die in so einer situation sind, dass alleine hinbekommen können. lg, lia

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