all die verlorenen jahre: 2 danke

tl;dr: irgendwas über familie – pflege in familien – demenz – generationen um ein trendwort zu verwenden. achja genau und: teil 2_

Danke

Danke, sagt sie, wenn ich ihr die Tabletten hinstelle.

Danke, sagt sie, als meine Mama sie darauf hinweist, dass sie heute zwei Westen und kein T-Shirt angezogen hat.

Danke, wenn meine Schwester ihr sagt, dass sie zum Essen kommen solle. Mit der Anmerkung, dass sie keinen Hunger habe. Wie im Hotel, sagt sie meistens nach dem Essen. Manchmal auch: wie bei der Firmung.

Danke, sagt sie in der Nacht, als sie angezogen in die Küche gekommen ist, und meine Schwestern und ich ihr erklären mussten, dass sie wieder schlafen gehen solle. Sie dachte, es wäre sieben Uhr morgen. Es war kurz nach Mitternacht. Fast hätte sie uns nicht geglaubt, weil meine jüngste Schwester nicht aufhören konnte zu lachen.

Danke, sagt sie, als ich sie im Sommer alle drei Minuten darauf hinweise, dass sie ihre Brille nicht aufsetzen solle. Weil ihre Nase nämlich geschwollen wäre, von dem Sturz. Da würde die Brille dagegen drücken. Dass das so ist weiß sie nicht, warum das so ist auch nicht. Es ist erst in der Früh passiert. Ich würde mich auch gern nicht daran erinnern, wie sie in die Küche gekommen ist, mit einem weißen Geschirrtuch an die Lippe gepresst, ohne etwas zu sagen. Wie ich zuerst nicht erkannt habe, dass das keine roten Punkte auf dem Tuch sind, sondern Blut, weil ich meine Brille nicht auf hatte. Wie ich es dann lieber nicht gesehen hätte von der Nähe, weil ich kein Blut sehen kann. Wie meine Schwester mit ihr ins Krankenhaus gefahren ist, und sie dort immer aufstehen und heimgehen wollte. Wie sie meine Schwester gefragt hat, warum sie denn im Krankenhaus sei. Wie sie ihr die Oberlippe wieder zusammengenäht haben, aber meinten, dass es auch reichen würde, wenn wir morgen das MRT machen, wegen Verdacht auf Gehirnblutung. Wie ich inzwischen daheim mit meinem Opa gestritten habe, weil er die ganze Zeit seinen Rasierer suchen wollte und ich nicht. Wie sie dann wieder daheim waren, und ausgerechnet an diesem Tag unsere Tante zu Besuch kommen musste.

Danke, sagt sie am Telefon, wenn sie jemand von ihren alten Bekannten anruft. Und wie es dem Mann den gehe, fragen die meisten dann. Wie es ihr denn gehe seltener. Da variieren ihre Antworten dann, aber meistens sagt sie, dass es ihrem Mann geistig noch gut gehe, aber körperlich nicht. Dass er gar nicht aufstehen könne. Oft fragt sie ihn, ob er wisse wie wir heißen. Meistens weiß er es nicht, aber sie sagt jedes Mal unsere Namen, wenn sie uns sieht. Mit einem Fragezeichen am Ende.

Danke, kann sie nicht antworten, als mein Cousin am Christtag zu Besuch kommt und sie fragt, was sie denn zu Weihnachten bekommen hätte. Da antwortet sie dann gar nicht. Er wiederholt die Frage und wird ärgerlich. Er meint, dass es das nicht gäbe, dass sie nicht wisse, was für ein Geschenk sie bekommen hätte. Weihnachten war doch erst gestern. Er glaubt nicht an Alzheimer.

Danke, wenn man ihr die Katze bringt. Wo die Katze ist, beschäftigt sie. Wenn sie sich hinlegt zu Mittag, braucht sie die Katze. Die Katze legt sich immer auf ihren Tumor. Von dem sie nichts weiß, und wir erst seit letztem Sommer, aber die Katze wusste es.

Danke sagt sie, wenn man den Fernseher einschaltet, obwohl sie ihn nach ein paar Minuten wieder abdrehen wird.

Früher hat sie sich nicht bedankt, nur geschimpft über die Nachbarn, über ihre Kinder, über ihre Ehe. Früher wollte sie, dass wir uns bei ihr bedanken. Für jede Kleinigkeit wollte sie ein „Danke Mutti“ hören. Aber wir haben uns nie oft genug bei ihr bedankt.

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5 Kommentare zu „all die verlorenen jahre: 2 danke

    1. danke schön. wobei für mich das leichter ist, weil ich immer nur an den wochenenden bzw. den ferien zu hause helfe. von dem her ist es für mich nicht so anstrengend wie für meine mom. lg lia

  1. mich berührt es, wie du über alzheimer schreibst. du findest worte, das ganze thema hautnah erleben zu können. es ist unheimlich, wie nahe du mir damit kommst.

    die lakonie des schlussabsatzes ist kaum zu toppen.

    froh, dein blog entdeckt zu haben, grüss ich herzlich, soso

  2. Ich bin auch ganz fasziniert von dem Artikel, denn durch meine fast 98jährige Mutter wird mir Demenz näher gebracht, als es mir (eigentlich) lieb ist – bis zu ihrem 96. Jahr war sie noch echt in Ordnung, von kleinen Vergesslichkeiten mal abgesehen. Jetzt, durch die große OP im vorigen November, ist es rasend schnell den Berg des Erinnerns hinab gegangen. – Danke für das Abonnieren meines Fotoblogs – ich abonniere ja nur im Feed, das wird nicht angezeigt.

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