Zuggirlanden

tl;dr: das ist die geschichte hinter ’schöne lügen‘. in fragmenten. im übrigen sehr mit metaphern überladen (wollte ich mal ausprobieren). ich-erzähler*in mit einem imaginierten du – begründung für die form ist, dass dadurch die figuren an sich nicht so festgeschrieben sind (was kategorien wie gender betrifft).

Unser Sommer hatte mich kaum Atmen lassen, jedes Mal Luftholen war Feuerschlucken. Es hatte nicht nur an der Sonne gelegen, die gnadenlos vom Himmel brannte, sondern auch an den gnadenlos hitzigen Diskussionen zwischen uns. Dafür habe ich gebrannt, immer mit dem Gedanken: wenn ich mit dir reden; wenn ich dich überzeugen kann, dann kann ich alles. Und bemerkte nicht, wie ich dabei ausbrannte. Erst als das letzte Glühen lang erloschen war, begann ich die Kälte zu spüren, die sich in jedem einzelnen deiner Gedanken manifestierte. War zuvor jedes deiner Worte Öl auf meinem Feuer, wurde deine mit Hass überdeckte Angst nun zu einer Ölpest, die mich zu ersticken drohte.

 ***

Mittlerweile erinnere ich mich nicht gerne zurück, weil ich den Optimismus, Enthusiasmus, Aktivismus vermisse, der mich damals ausfüllte; weil ich vermisse, wer du für mich warst, bevor ich erkannte, wer du sein wolltest. Ich versuche das kalte Eisengeländer deines Balkons nicht mit bloßen Händen zu berühren, während ich mich dagegen lehne, vergrabe mich deswegen tiefer in deinen roten Morgenmantel. Rot – Rot, das ist eine deiner Farben, ich habe meine längst verloren. Ich warte. Auf ein leises Rauschen aus der Ferne, das den nächsten Zug ankündigt. Jede Stunde kann man sie zweimal von deiner Wohnung aus sehen, einmal von Norden nach Süden, einmal von Süden nach Norden. Aber nur in der Dunkelheit ergibt es Sinn, auf einen zu warten: Wenn das Licht durch die rechteckigen Fensterscheiben der Wagons nach außen fällt, verwandeln sich die Züge in fahrende Girlanden, die nur für uns die Nacht erhellen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich die Zuggirlanden entdeckte, aber sie wurden ein wichtiger Teil der Welt, in der es uns gab.

 ***

Im Herbst verschob sich unsere Beziehung. Ich hatte keine Kraft, auch wenn ich es mir nicht eingestand, dir etwas zu entgegenzusetzen, ich schaffte es nicht mehr, deine Hierarchien zu destabilisieren; deine Wahrheiten zu dekonstruieren; deine Welt zu kritisieren. Du hattest keine Lust mehr, mit mir zu diskutieren, du wolltest nur mehr Ruhe vor jeglichen Gedanken, vor allem vor meinen. Wir hörten auf unsere Wirklichkeiten zu konfrontieren, und zogen uns hinter Zauberwälder zurück. Wir debattierten nicht mehr über Schwangerschaftsabbruch und deinen Patriotismus, sondern schrieben uns Gedichte über Quittenmarmelade. Warfen wir uns zuvor ideologisch gefärbte Begriffe an den Kopf, waren es nun Aufmunterungswortkonzentrate. ZUCKERWATTE, PUSTEBLUME, LUFTBALLON. Je mehr Zeit wir ineinander verbrachten, desto mehr verschwammen die Bedeutungen. Ich konnte keine Richtungen mehr erkennen. Du wurdest mein einziger Fixpunkt. Ich wollte keine Richtungen mehr anerkennen, sonst hätte ich sehen müssen, wohin die Schienen unter den Girlanden führen.

 ***

Als wäre das alles erst gestern in einem anderen Leben geschehen. Wir konnten das Warum von uns nie entschlüsseln, weil alle Erklärungsmuster, so treffend sie auch sind, doch zu kurz greifen, nie fassten, was nie hätte geschehen dürfen. Aber wir haben es uns zu einfach gemacht, mit dem Erklärungsmuster, das wir schließlich für unser Gewissen wählten: wir haben keine Kontrolle über unsere Beziehungsdynamik. Sie entzieht sich uns, hat deswegen nichts mit uns zu tun. Ich werde dich nicht darauf hinweisen, wenn du später wieder neben mir bist. Im Augenblick trennt uns räumlich ein Zimmer voneinander, geistig aber sind es Welten. Das Klingeln deines Handys hatte vorher unsere Stille gestört. Während du abgehoben, und in den Nebenraum verschwandst, streifte ich mir deinen Morgenmantel über und bin nach draußen getreten. Auch wenn du später wieder bei mir stehst, der Graben zwischen unseren Welten bleibt dennoch unüberwindbar. Niemand war mir je näher entfernt.

 ***

„Wartest du?“ Du trittst hinter mich, deine Arme umschlingen meinen Körper. Ich lehne gegen dich, zerfalle in der Umarmung, versuche unseren Augenblick zu finden. Wir hören das Rauschen, dann fährt die Girlande in unser Blickfeld, aber ich kann sie nicht erkennen, alles was ich sehe, ist ein Zug.

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2 Kommentare zu „Zuggirlanden

  1. Die Feuer/Brennen-Anspielungen im ersten Absatz überladen ihn ein bisschen, aber der Text gefällt mir trotzdem sehr gut. Es ist immer bestürzend, lähmend und man wehrt sich gegen das Wahrhaben, wenn man sich in einer Beziehung voneinander entfernt.

    Man erkennt aber auch an deinem Text deutlich, dass es zum großen Teil an der schief laufenden Kommunikation liegen dürfte.

  2. Oha,
    Diskussionen sind nicht immer leicht zu führen.
    Oft gelangen sie in falsches Fahrwasser.
    Und damit ist oft das Ende einer Beziehung zu erwarten.
    Toll geschrieben.

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