Geht’s dir gut?

*** Gestern, am 20.06.2015 sind bei einer Amokfahrt, in Graz, der Stadt, in der ich seit mehr als zehn Jahren mein zweites Zuhause habe, drei Menschen gestorben, und zu viele verletzt worden. Ich bin wahnsinnig dankbar, dass meine Freunde und Freundinnen unverletzt geblieben sind. Und mein Mitgefühl gilt den Angehörigen und Opfern. Folgender Text sind subjektive Eindrücke von gestern. ***


Es ist kurz nach 13 Uhr als Armin, mein Nachbar, mich anruft, aus dessen Mund ich die Frage zum ersten Mal höre; die Frage, die ich im Verlauf des Nachmittages selbst unzählige Male an andere stellen werde: Geht’s dir gut? Bist du in Graz?

Aber ich bin nicht in Graz, als ein Mann, der so alt ist wie ich, mit 100 km/h durch die Fußgängerzone rast, und gezielt Menschen nieder fährt. Ich bin nicht in Graz, als drei Menschen sterben, und viel zu viele verletzt werden, an einem Ort, an dem ich erst am Vortag mit meiner Schwester und einer Freundin selbst gestanden bin. Als Armin mir davon erzählt, begreife ich es erstmal nicht. Ich habe vorher bei den Nachrichten im Radio nur halb hingehört, irgendwas von einem, der in einen Schanigarten gefahren ist, mitbekommen; habe dabei nicht an eine Amokfahrt gedacht, sondern dass es sich um einen Betrunkenen handelt, der halt irgendwo reingefahren ist. Ich brauche eine gefühlte Ewigkeit, bis ich realisiere, was wirklich passiert ist, aber auch dann bleibt Unverständnis; fehlt die Möglichkeit, zu verstehen.

Mein Mitbewohner ist einer der ersten, die ich versuche, zu erreichen. Unsere Wohnung liegt in einer Quergasse zur Herrengasse, zum Tatort. Als er nicht abhebt, schreibe ich. Er hat die Wohnung den ganzen Tag noch nicht verlassen, schreibt er zurück. Er habe nichts mitbekommen. Zeitweise bricht das Telefonnetz in Graz zusammen.

Eve, die mich anruft, die bei der Oper steht, die eigentlich gerade heimfahren wollte. Mir erzählt, dass sie verschlafen hat. Dass sie deswegen erst später das Auto bei ihrer Schwester abgeholt hat. Dass ihre Schwester deswegen nicht in die Stadt gehen konnte. Und ich zum ersten Mal erleichtert darüber bin, dass sie immer so lange schläft. Marieke, eine Freundin aus Holland, die ich bei einem Sprachkurs in Montpellier kennengelernt habe, und die mir ein Are you okay? auf WhatsApp sendet.

Da sind Menschen, die ich zu flüchtig kenne; die neben mir in einem Seminar sitzen, und mir mal einen Stift geliehen; die ich nur beim Sport sehe; da ist der Ex, zu dem ich den Kontakt abgebrochen; ehemalige Schul- und Arbeitskolleg*innen, die ich aus den Augen verloren; die ich nicht erreiche, weil mir die Möglichkeit fehlt; bei denen die Antwort offen bleibt, und ich die Frage in Gedanken zu einem Ich hoffe, es geht dir gut. umformuliere.

Da sind Leute, bei deren Meinung ich den Reflex habe, laut zu schreien. „Was brauchen die eine Krisenintervention? Passiert doch jeden Tag im Fernsehen, bei jeder Krimiserie, was Schlimmeres. Des schau ich auch, ohne dass ich eine Betreuung brauch.“ – „Boah, wenn des ein Steirer gewesen wär, dann hätt der des ganze Land in den Schmutz gezogen. Aber des war eh einer aus Bosnien. Ein Ausländer.“ Die mit ihren Ansichten Raum einnehmen, der ihnen nicht zusteht, da er den Toten, den Verletzten und ihren Angehörigen gehört; einen Raum, in dem wir anderen verzweifelt versuchen, Worte zu finden, obwohl es keine gibt. Aber Handlungen, die zumindest Solidarität ausdrücken; etwas Trost spenden, wie das Kerzenmeer am Abend; die Therapeutin, die gratis Krisenbetreuung für Betroffene anbietet; der geplante Trauermarsch entlang der Route des Amoklaufes nächsten Sonntag.

Eve, die mir am Abend schreibt, ob ich online komme. Und dann schlafen wir nicht, sondern chatten wie früher als Teenager. Heben alles auf eine abstrakte Ebene, weil es dadurch für uns einfacher wird. Diskutieren darüber, ob der Fall zu einer (weiteren) Stigmatisierung von psychisch Erkrankten beitragen wird. Darüber, wie pietätslos es ist, diese Tat für politische Zwecke zu instrumentalisieren. Schweifen irgendwann ab, und denken uns eine Storyline für einen dystopischen Roman aus, der in der Zukunft spielt. Solange, bis ich nicht mehr Denken kann und mir beim Tippen die Augen zufallen.

Als ich heute aufwache, ist das erste, was ich denke – Ich hoffe, es geht euch gut. Das erste, was ich lese, ein Geht’s dir eh gut?

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4 Kommentare zu „Geht’s dir gut?

  1. Ich bin u.a zwei Jahre in Graz zur Schule gegangen und habe heute noch Kontakte dorthin. Es ist unfassbar was da passiert ist… und welche Folgen es noch haben wird, für Opfer, Angehörige, Helfer…

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