in meinem kopf, kobaltblau

eine geschichte über schreibblockaden, und die frage, wie es sich anfühlt, die eigene identität zu verlieren


Ich verliere die Buchstabenketten, die ich so schön aneinander reihen konnte. Eine nach der anderen löst sich auf und die Buchstaben gleiten wie aufgefädelte Perlen von einer Schnur und verschwinden in der Dunkelheit.

I.

gestern habe ich meinen namen vergessen. das war der moment, von dem an es war, dass etwas nicht stimmte. zuvor hatte ich ausgeblendet, es als unwichtig beiseite, das dumpfe gefühl, die falschheit nie an die oberfläche dringen, wenn mir ein wort entfallen, ein name nicht einfallen, es abgetan als vergesslichkeit, als normal, aber nun war es nicht mehr zu ignorieren. alles konnte verschwinden, nie der eigene name, die buchstaben, die mehr als alle anderen. eine zeit, nachdem ich wusste, dass ich mich vergessen, wobei mir unklar war, für wie lange vorher ich schon weg gewesen, saß ich einfach nur da, bewegungslos. versuchte, mich zu erinnern, fand keinen zugang, die verbindung zwischen gedanken und worten gekappt, stolperte über leere, wollte nicht aufgeben, aber die kopfschmerzen zwangen mich. befahl, aufzustehen, mit zitternden händen kramte ich nach meiner geldtasche, das ratschen des verschlusses brannte sich ein, das schütteln der hände so stark, ich konnte kaum die schrift auf dem ausweis, meinem, lesen. starrte auf die fünf buchstaben, sprach den namen LAUT aus, stellte vor, wie mich andere damit riefen, schrieb ihn tausendmal, dennoch blieb er fremd, gehörte nicht mehr zu mir, konnte mich nicht erinnern, dass er jemals teil von mir gewesen. melancholie überschwappte mich, keinen anderen gedanken mehr, außer tränen. noch immer kein gespür für meinen namen, kann mich, wenn ich nur eine sekunde den blick der schrift wende, nicht entsinnen. was nun? sinnlos wäre, ärzte aufzusuchen, was wohl hinter dem vergessen stecken, vielmehr wäre es der einfachste davonzulaufen, vor dem, was wirklich ist. keine krankheit, sondern ein zustand. von vorteil, dass ich mich vor niemanden rechtfertigen, dass ich alleine. schwierig bleibt, dass ich nicht weiß, wie viele wörter bereits verloren. ich fürchte, es sind mehr, als ich denke, muss alles aufschreiben – ein erinnerungsbuch, muss das verlieren stoppen. wie? die antwort liegt gleich dem vergessen in meinem kopf

II.

gestern habe ich kobaltblaue tränen geweint. als ich die tränen wegwischte, kobaltblauer fleck auf dem taschentuch. KOBALTBLAU. ich hatte es früher geträumt. es war dieser albtraum: ich, inmitten eines Raumes, von beschäftigten leuten umgeben, unfähig, mich zu bewegen, während aus mir begann meine seele herauszurinnen. zuerst tränten meine augen, dann rann mir die farbe aus den ohren, dem mund, und schließlich aus jeder einzelnen pore. niemand bemerkte es. niemand sah mich an. als der letzte tropfen kobaltblau aus mir herausgeronnen, wurde ich zu einer statue. marmorweiß. aber konnte es nicht nur ein traum gewesen, sondern eine vorahnung? manche wörter scheinen auszudehnen, bösartig, füllen die leeren stellen aus, beschleunigen das verschwinden anderer, die ich lieber festhalten. ich kann nicht aussuchen, welche Wörter ich behalte und welche ich verliere. ich wehre mich, lerne jeden tag wörter, um das vergessen auszugleichen – irrationalität – irreversibilität – irrsinn – irrglaube – irrlicht. aber ich weiß nicht, wie viele wörter zugleich verschwinden. es ist wie wasser aus einem boot zu schöpfen, dass ein loch hat – nur umgekehrt. tropfen für tropfen rinnen meine erinnerung, meine wörter, mein ich aus mir. mittlerweile scheint sich, dass es wahr wird, überall hinterlasse ich kobaltblau, kobaltblauer film auf meiner haut, ich kann nicht mehr zwischen wirklichkeit und realität unterscheiden, zwischen dem außen und dem in meinem kopf

III.

gestern habe ich besuch von außen bekommen. es hatte geklingelt, zunächst konnte ich das schrillen nicht. erst durch das klopfen war mir geworden, und ich schaffte das geräusch einzuordnen, die richtung zu verorten. bevor ich öffnete, wischte ich mir mein gesicht, kobaltblauer abdruck auf dem handtuch. versuchte ein lächeln, aber es gelang nicht, die mundwinkeln schmerzten. ich hätte seinen namen kennen, wusste zumindest, dass er ein namensträger, aber was ich wahrnahm, alles was mich vereinnahmte, waren die starr gerichteten augen, in denen nichts spiegelte, und dahinter, hinter der leere, kam es mir, als wogte ein kobaltblaues meer. aber dann war es weg, und was blieb, war die stimme, die den raum zerschnitt mit der frage, WAS IST DAS DA? ich musste mich zusammenreißen, den reflex unterdrücken, die augen zuzukneifen, die ohren zuzuhalten, mit den händen. und weil ich nicht antwortete, hörte ich die stimme erneut, verstandesgemäß wusste ich, dass sie ihm gehören, dass es sein musste, aber ich konnte ihn nicht mit ihr verbinden, genauswenig wie mit seinen namen, wie ich mich nicht mit meinen eigenen. WAS SOLL DAS HEISSEN: KOBALTBLAU? WARUM HAST DU DAS SO OFT GESCHRIEBEN? ICH REDE MIT DIR!! eine hand zeigte auf mein aufgeschlagenes erinnerungsbuch, das am tisch, aber ich verstand nicht, deutete auf meine schrift, war es denn meine? ich hätte nicht, was ich darauf, was es gebracht hätte, schüttelte den kopf. DU SIEHST KRANK AUS! AM BESTEN DU LEGST DICH- und dann fehlt zeit oder worte, um sie zu beschreiben. aber nun ist er nicht mehr, und ich kann nicht feststellen, wann er gegangen, ob er denn und wer er war. nur die stimme, die stimme hallt noch nach, zieht durch die räume, anklagend, aufgebend, verzeihend, was genau will ich nicht. bald wird sie auch weg, und ich weiß es nicht zu bestimmen, ob ich sehne, dass sie verklingt oder mich festhalte an ihr, als letztes überbleibsel von draußen, als echo des wirklichen in meinem kopf

IV.

gestern habe ich die verbleibenden töne abgedreht, den kontakt zur welt gebrochen, nachdem erneut gescheiterten versuch, radio zu hören, aber die geräusche taten zu weh, jeder laut versetzte einen schlag, grausam, die unmöglichkeit etwas zu verstehen, das zittern des körpers, jede zelle nach atem ringend, aber kobaltblau tritt aus allen poren, verpackt mich luftdicht, lässt keinen sauerstoff mehr durch. da. kopf gegen kälte gelehnt, zitternd, versucht, augen geschlossen, das drehen zu stoppen, wörter zu filtern aus dem wirbel, erfolglos. aufgegeben, fehlendes als verschwunden, leere stellen zu zählen, wozu? es ist längst mehr leere, die wörter, die noch da sind, kann ich nicht, schwirren durch den kopf, bin unfähig, den sinn zu erfassen. die einzige verbindung ist, zu schreiben, der stift, mit dem ich notiere. solange ich noch schreiben, solange bin ich, sind bruchstücke von mir noch, aber sicher ist nicht, ob ich, vielleicht schreibe ich nicht mehr und das ist alles nur in meinem kopf

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