Ineinander :: Feuer und Wasser

Marie bestellte sich noch einen Kaffee, während sie den Treppenaufgang im Auge behielt. Zwar war sie erst vor zehn Minuten selbst gekommen, dennoch schien sich die Zeit endlos zu ziehen. Sie fragte sich, wann Lukas wohl auftauchen würde, ob er überhaupt kommen würde.

Gedankenverloren faltete sie eine Papierserviette zusammen und wieder auseinander. Im Hintergrund spielte eines dieser zeitlosen Lieder, die jeder im Blut hat, aber niemand beim Namen nennen kann. Sie dachte über den Titel des Liedes nach, und beobachtete die Menschen um sich herum, die sich unterhielten oder die Zeitung lasen. Irgendwie kam sie sich ausgeschlossen vor, von dem normalen Treiben der Welt. Als wäre die Zeit für sie stehen geblieben. Andererseits spürte sie, wie sie hierher gehörte. Die Welt beschützte sie. Die Normalität mit der das Leben seinen Wettkampf gegen die Zeit läuft, hüllte sie ein. Irgendwann kam ihr Kaffee.

Dann stand er plötzlich vor ihr. Auf seinen Lippen spiegelte sich ein Lächeln, dass sie erwiderte. „Hey“ begrüßte er sie, und setzte sich ihr gegenüber. „Wie geht’s dir?“ „Gut“ antworte sie mit einem antrainierten Lächeln. Früher hatte sie nicht gut gesagt. Das war vor der Zeit in der sie angefangen hatte zu verstehen, dass es leichter war zu lügen, und nur mehr das zu sagen, was die Leute auch von ihr hören wollten. Man hatte es ihr nicht abgenommen, bevor sie nicht damit angefangen hatte, dazu zu lächeln. „Gut“ sagen und lächeln, lautete ihre Devise. Egal wann, und egal wie es wirklich in ihr aussah.

„Und dir?“ gab sie die Floskel zurück. Sie sah zu wie er nickte, lächelte und ihre Antwort wiederholte. Vielleicht hatte er sich das auch antrainiert? Sie wusste es nicht. Dafür kannte sie ihn zu wenig.

Nervös riss sie eine der beiden Zuckerpackungen auf, schüttete den Zucker in den Kaffee. Sie mochte keinen Zucker. Gespannt wartete sie auf seine unausweichbare Frage, wieso sie ihn angerufen hatte, und wappnete sich im Geiste für die Antwort, die sie sich zurechtgelegt hatte. Die Antwort, die sie so oft vor sich hin gesagt und korrigiert hatte, würde ihr trotzdem nicht leichter von den Lippen gehen.

Aber sie wartete vergebens. Er fragte sie nicht nach dem Grund, sondern redete über belanglose Dinge. Er erzählte ihr, wie er gestern seinen Tag verlebt hatte: seinem Training, seiner neuen CD, dem neuen Film, dessen Kritik er gelesen hatte. Sie hörte ihm zu, und antwortete. Sie lachte an den passenden Stellen, warf mal sarkastische, mal zustimmende Sätze in ihr Gespräch. Und beantwortete seinerseits alle Fragen, die er an sie richtete.

Innerlich aber hämmerte ihr Herz noch immer. Wenn er genau hingesehen hätte, hätte er gesehen wie ihre Hände jedes Mal nervös zitterten, wenn sie ihre Tasse zum Mund führte. Warum fragst du mich nicht, ob alles in Ordnung ist? klagte sie ihn in Gedanken an. Schließlich war es das erste Mal, dass sie ihn an einem Samstag angerufen und gefragt hatte, ob er Lust auf einen Kaffee hätte. Natürlich, sie sahen sich jeden Tag, aber ansonsten, konnte man nicht gerade behaupten, dass sie die allerbesten Freunde waren. Hätte er nachgefragt, hätte sie es geschafft ihm die Wahrheit zu sagen. Aber ohne einen Anstoß seinerseits – und die einfach Frage „Alles in Ordnung?“ mit einem vielleicht besorgt angehauchten Blick hätte schon gereicht um ihr die Zunge zu lösen – war es ihr nicht möglich das solange vermiedene Thema anzusprechen. Sie versuchte das alles beiseite zu schieben und sich völlig auf ihr Gespräch zu konzentrieren, was ihr auch gelang. Schließlich war es alles andere als langweilig sich mit Lukas zu unterhalten, ihm dabei zuzusehen, wie er seine Worte mimisch unterlegte, wie er trank, atmete.

Nachdem sie alles durchgeredet hatten, was ihnen einfiel und jeder von ihnen zwei Tassen Kaffee getrunken hatte, bezahlten sie und gingen gemeinsam auf das rege Treiben, dass am Samstag immer auf der Straße herrschte.

Sie atmete tief ein, sog alles in sich auf: die Atmosphäre, jeden Eindruck, den sie gewann. Gemeinsam schlenderten sie die Straße hinunter. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Manchmal wandte Lukas den Blick auf sie, sagte ein paar Worte, die sie mit ebenso Leeren erwiderte. Oft schon waren sie so nebeneinander gegangen. Jeden Satz, den sie aussprachen, hatten sie schon oft gesagt und oft gehört. Ihre Körper berührten sich jedes Mal, wenn sie versuchten den entgegenkommenden Menschen auszuweichen, und zuckten gleich darauf wieder auseinander.

„Ich liebe dich.“ Sie blieb stehen und sah ihn verzweifelt und wütend an. Er blieb stehen, schaute auf sie hinunter. Er fragte weder „was?“ als Ausdruck des Erstaunens oder mit dem Gedanken sich verhört zu haben im Hinterkopf noch konnte man ihm ansehen, dass er überrascht war. Vielleicht hätte er etwas darauf erwidert, aber ihre Hemmungen waren gewichen, und sie redete los, wobei sie mit ihren Augen seinem Blick auswich. „Denkst du etwa ich hätte keinen besonderen Grund, dich einfach so anzurufen? Wie oft unternehmen wir zwei etwas miteinander ohne dass unsere anderen Freunde dabei sind? Hast du dich denn niemals, wirklich niemals gefragt, wieso ich dich heute sehen wollte? Ich kann dir nicht sagen, wieso es so ist, aber es ist so. Ich habe versucht es zu ändern, aber ich bin sang- und klanglos gescheitert. Und irgendwann habe ich es aufgegeben. Dann ließ mich der Gedanke nicht mehr los, dass ich es dir unbedingt sagen muss, weil ich dachte, dass es für mich dann einfacher werden würde. Ich weiß nicht, ob du das jemals gefühlt hast, was zwischen uns ist, oder ob ich mir das einfach nur eingebildet habe. Und egal, was wir miteinander unternommen haben, irgendwie kam mir vor, dass das immer zwischen uns stand. Als wäre das eine unsichtbare Mauer, die zwischen uns steht, und jeden Moment einzustürzen droht. Mir war als könnte ich dir niemals nahe sein. Alles steht immer in der Schwebe. Ich wusste… Ich wusste einfach nicht, wie ich es dir sagen sollte. Und jetzt habe ich es einfach getan. Mir ist schon klar, dass du das wahrscheinlich nicht hören wolltest. Aber ich konnte nicht anders. Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, mit dir befreundet zu sein. Aber ich weiß noch weniger, ob ich es schaffe ohne dich zu leben. Aber immer neben dir zu stehen, mit dir zu reden und zu lachen, ohne dir jemals nahe sein zu dürfen, dass wird mich langsam, aber dafür umso sicherer umbringen. Ich werde einen Weg finden, damit umzugehen. Ich weiß nicht, ob ich dich wieder sehen kann. Ich weiß nicht, ob du mich wieder sehen möchtest.“ Das alles hatte sie im atemberaubenden Tempo hinuntergeredet. Jetzt holte sie wieder Luft. „Ich weiß es wirklich nicht.“ fügte sie langsam hinzu und sah ihn wieder an. Sie versuchte in seinen Augen zu erkennen, welche Reaktion ihr Geständnis in ihm ausgelöst hatten, aber seine Augen sagten genauso wenig, wie sie es sonst immer taten.

Ohne noch abzuwarten, drehte sie sich um und ging weg ohne noch einmal zu ihm zurückzuschauen. Sie fühlte sich weder erleichtert noch befreit. Nichts hatte sich geändert.

Er folgte ihr nicht.

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4 Kommentare zu „Ineinander :: Feuer und Wasser

    1. merci. früher fand ich es einfacher, zu schreiben als jetzt. liegt wohl am wachsenden respekt vor der sprache.
      ich denke schon, dass sie glücklich geworden ist 🙂

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