Differenzen

Auch 2016 wird das Projekt *.txt von Dominik Leitner fortgeführt, worüber ich mich sehr freue, weil es mir Gelegenheiten ermöglicht, neue Texte, neue Textideen umzusetzen.

Das dritte Wort lautet: ‘Wahn‘, und ich beschäftige mich in meinen Text mit den falschen Vorstellungen in Beziehungen, nach Trennungen. Ich spiele mit dem Gedanken, den Text nächste Woche auf einem Poetry-Slam vorzutragen (sollte das Losglück mit mir sein), weil ich denke, dass der Text sich dazu eignet. Was meint ihr?

Differenzen

Ich denk an dich. Oder an das, was ich denke, dass du bist. Für mich. Obwohl ich weiß, ich sollte nicht, denn von ‚uns‘ kann ich nicht sprechen, nicht mal in der Vergangenheitsform eigentlich, weil ‚uns‘ gab es nicht. Jedenfalls, nicht lang genug, ‚uns‘ war nur ein Betrug, eine Illusion, von purer Perfektion, für den Bruchteil einer Sekunde, einen Augenblick, und dahin, dahin können wir nicht zurück.

Und daran, daran denke ich auch nicht. Ich denke nicht an unseren ersten Moment, nicht an das Schweben, so, als würde es kein Morgen geben, nicht an unseren ersten Schlagabtausch, nicht an den Rausch, vom Bier? Von dir? Ich weiß es nicht.
Ich denk nicht daran, wie du in den Morgenstunden meine Hand genommen hast, wie wir verschwunden sind in die Dämmerung. Nicht daran, wie ich dich zuerst geküsst habe, nicht an diese Worte von dir, nicht an dein: Du bist so klug, so wortgewandt, so direkt. Du, du bist einfach perfekt. Egal was, du kannst nichts Falsches sagen, weil ich werde dich immer- und ich will auch gar nichts, als dich im Arm halten, dich behalten, unser Leben gemeinsam gestalten. Wie ist das für dich?

Aber das, dieses Bild von mir in deinem Kopf, das war nicht ich, du wolltest nicht mich, sondern diese perfekte Version, diese Illusion des ersten Abends für immer, und nach diesen Augenblicken, da sahst du wirklich mich. Mein Alltags-Ich, mit Ecken und Kanten, mit Fehlern, mit Ängsten. Weil das Leben, das Leben ist nun mal nicht nur schweben, sondern auch fallen, und ich wollte dir gefallen, aber so wie ich wirklich bin und nicht nur als Traum, als Augenblick, als Illusion, als Konstruktion.

Nein, wenn ich an dich denke, dann denk ich an unseren letzten Streit, ans Auseinandergehen, daran, nicht vor dir zu bestehen, an dein: Du bist zu berechenbar – ich weiß einfach immer genau, was du sagen wirst – zu ruhig, zu leise und viel zu kompliziert, kapiert? Und außerdem: stehst du, du stehst immer falsch da, also du stehst einfach immer viel zu nah, neben mir. Und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dich weiterhin so neben mir stehen zu sehen. wir sollten lieber getrennte Wege gehen.

Und ich? Ich war voll schockiert und hab das überhaupt nicht gleich kapiert. Und entsetzt, und verletzt davon, dass ich mich in deine Fehler, du dich aber nicht in meine verliebt hattest. Und hab unsere Gespräche gestoppt, geblockt dein obligatorisches: aber lass uns doch Freunde bleiben. Lass uns doch weiterhin schreiben. Denn: Wie soll ich mit jemand befreundet sein, der mich nur als Fehler sieht? ich meine, wie kann dir sogar meine Art zu stehen, so dermaßen auf die Nerven gehen. Also nein.

So mal ganz ehrlich: Ich denk noch immer an dich, oder an das, was ich denke, dass du bist. Ich hab noch viel zu oft deine Stimme im Hinterkopf, dein: Du machst das falsch. Du bist nicht gut genug. Du kannst das nicht.

Eigentlich, denk ich nicht an dich, ich denk an das, was du für mich geworden bist, indem ich dich dazu machte, weil ich weiterhin an dich dachte.

In Wahrheit bist du nur wie ein Spiegel für mich: Das bist nicht mehr du, der mich kritisiert, der mich in Frage stellt und meine Welt verdreht.

Das bist nicht du, das bin allein ich.

 

Advertisements

4 Kommentare zu „Differenzen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s