Bruch::stellen der Einsamkeit

Bitterschokolade

„Wusstest du, dass wir jetzt auch Eis in unserem Sortiment haben?“ Ich bin spät dran, aber ich bleibe trotzdem stehen. Ich lächle. „Hast du Zeit, eines zu probieren?“ Nein habe ich nicht, aber ich sage trotzdem ja. Folge meinem Nachbarn in sein Geschäft. Sekunden später verabschiede ich mich mit einer Kugel Bitterschokolade, die cremig süß auf meiner Zunge zergeht. Als ich mir am Abend daheim die Hände wasche, sehe ich im Badezimmerspiegel zwei braune Punkte an meiner Nasenspitze.

Pfefferminztee

„Soll ich aufstehen?“ frage ich mich und starre in die Dunkelheit des Zimmers. Ich kann nicht einschlafen, mein Mund fühlt sich trocken an und an meiner Wirbelsäule klettert ein dumpfes Schmerzgefühl gen Nacken. Ich sehne mich nach meinem eigenen Bett, da würde ich dann einfach die Nachttischlampe anknipsen, meinen Laptop aufklappen und eine Episode Friends anschauen, um mich zu beruhigen. Aber ich bin in seiner Wohnung und trotz seines „Fühl dich wie zuhause.“ fühle ich mich fremd. Aber dann überwiegt mein Durst und ich tapse langsam zur Kochnische, drücke den Knopf des Wasserkochers nach unten, betrachte das leuchtende Dunkelblau. Das Geräusch des Gerätes ist in der Stille viel zu laut, ich wende meinen Kopf zum Bett, bin beruhigt, als ich sehe, dass er nicht aufgewacht ist. Reiße ein Päckchen Tee auf, hänge den Teebeutel in die überdimensionale orange Tasse und fülle sie mit Wasser. Der Akku meines Smartphones hat schon vor Stunden, als wir noch wach im Bett lagen, den Geist aufgegeben. Also brauche ich eine andere Ablenkung, ziehe wahllos ein Buch aus seinem Bücherregal, schleiche, bewaffnet mit Lesestoff und Flüssigkeit, am Schlafplatz vorbei ins Bad. Knipse das Licht an und betrachte mich im Spiegel. Flüchtig. Setze mich auf den grünen Ikeateppich am Boden und lehne meinen schmerzenden Rücken gegen den kalten Badezimmerschrank. Schlage das Buch auf – es dreht sich um Freuds Psychoanalyse. Mein Es und mein Über-Ich ringen miteinander, während ich in die Welten der Träume eintauche.

Süßer Wein

„Alles in Ordnung? Du bist auf einmal so blass.“

„Ja, ich glaube nur, ich werde krank,“ antworte ich, während mein Gesicht zu glühen beginnt und kalte Schauer durch meinen Körper jagen. „Ja, die Welt hat sich nur gerade wieder einmal als ein bedrohlicher Ort, dessen Regeln ich einfach nicht verstehe, erwiesen,“ wäre die ehrlichere Antwort gewesen. Dann nehme ich einen großen Schluck Wein und zumindest der schmeckt süß. Dann müssen wir uns nicht mehr unterhalten, weil das Theater beginnt.

Gauloises

Es bleibt seltsam unbefriedigend. Ich dusche, lege mich ins Bett und bekomme eine Nachricht: „Du müsstest schon JETZT herkommen.“ Ich stehe wieder auf, ziehe mich an und steige in die nächste Straßenbahn.

Penne, al dente

Ziellosigkeit verbinde ich mit Supermärkten, weil ich immer durch die labyrinthartigen Gänge hetze, ohne etwas kaufen zu wollen. „Aber du musst etwas essen.“ flüstere ich mir selbst zu. Dann stehe ich vor dem Regal mit den Teigwaren. Mein Blick wandert von einer Sorte zur anderen. Will ich Spaghetti? Will ich Fleckerln? Soll ich auch eine Tomatensauce kaufen? Plötzlich brennen mir die Augen und ich muss Tränen zurückhalten. Ich will gar nicht für mich alleine Essen kaufen. Ich will nicht in mein Zimmer zurückgehen, in dem niemand auf mich wartet. Ich sehe unsere alte Wohnung vor meinen Augen, wie ich die Tür aufschließe, wie du da bist und mich nervst, weil du nicht eingekauft hast, wie ich mit dir über die Welt diskutiere, wie ich das alles kaputt gemacht habe. Ich schlucke und entscheide mich für die Penne.

DU

Das erste Mal über dich geredet, ohne dass meine Stimme weinerlich wurde; ohne dass meine Augen brannten. Ein Jahr. Über ein verdammtes Jahr ist es her, seit wir uns zum letzten Mal gesehen haben. „Was würdest du denn tun, wenn du ihn jetzt wiedersehen würdest?“ Ich kuschele mich mit meinen Kopf an seine Brust, streiche die Adern an seinen Armen mit meinen Fingern nach.

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7 Kommentare zu „Bruch::stellen der Einsamkeit

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