Die Verräter

Ein Text aus meinem analogen Archiv, den ich mit 16 oder 17 geschrieben habe. Es ist eine Szene in einer postapokalyptischen Welt; das Ende einer weiteren ungeschriebenen Geschichte.
„Eigentlich geht es hier nicht mehr um deinen Tod und mein Überleben, oder eben meinen Tod und dein Leben. Im Ende geht es nur darum, dass wir uns diese Frage überhaupt stellen müssen.“ Jedes deiner Worte prallt an meinem Körper ab wie ein Peitschenschlag, reißt alte, längst verheilt geglaubte Wunden wieder auf, fügt neue hinzu. Dabei ist es nicht wichtig, was du sagst, sondern, dass du überhaupt noch etwas sagst.
Ich will dir nicht mehr zuhören, versuche zu vergessen, wende mich ab und blicke aus dem Fenster auf die von schwarzen Fenstergittern durchzogene Landschaft. Die Blätter der bäume haben bereits begonnen sich zu verfärben und ich kann förmlich spüren, wie die Zeit, die mir noch bleibt, zwischen meinen Fingern zerrinnt. Obwohl mich das beunruhigen sollte, hat es eine tröstliche Wirkung auf mich, zu wissen, dass es nun aufhören wird. Asche zu sein, so wie die Worte, die ich vor – wie es mir vorkommt – Ewigkeiten an dich schrieb Nicht mehr zu atmen, nicht mehr zu fühlen, nie mehr jemanden zu verletzen. Ich kann die Menschen nicht zählen, die ich mit meinen Worten und Waffen verletzte. Manchmal vergleiche ich sie mit den Sternen am Himmel. Ich kann mich nicht mehr an sie erinnern, weder an ihren Namen noch ihre Gesichter – außer an dich.
Du hast aufgehört zu reden. Ich öffne die schwere Holztür, gehe auf die Plattform des Turmes – kalter, staubiger Stein unter meinen nackten Füßen. Am Horizont erhebt sich die Sonne aus ihrem Schlaf, nur die bedrohlich schnell näher kommenden vier Reiter kündigen die letzte Schlacht an. Wenn ich die Augen schließen, glaube ich, die galoppierenden Hufe auf den holprigen Wegen widerhallen zu hören.
Du bist hinter mich getreten, spüre deinen Atem in meinem Nacken.
Schulter an Schulter, Hand in Hand blicken wir meinem? deinem? unserem. Todesurteil entgegen.

Wenn ich die Augen schließe, kann ich jetzt schon die Hitze des Feuers auf meinem Körper spüren.

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2 Kommentare zu „Die Verräter

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