STIMMEN

„Wenn mich wer fragt, worum es gegangen sei, also in dem Stück, dann werde ich voller Ernst behaupten, es sei eine Liebesgeschichte. Es gehe dabei um die Liebe zwischen Gott und Beelzebub. Und darum, dass Beelzebub nach Jahrtausenden, in denen er sich sehnsuchtsvoll nach Gott verzehrt hat, schließlich doch mit ihm gemeinsam einschlafen konnte. Ich werde sagen, es sei ergreifend, es sei tragischer und schöner als Julia und Romeo“, deklamiere ich, und. natürlich übertreibe ich, obwohl. Es war ja tatsächlich so, zumindest. Wenn man wirklich wolle, dann könne man das so. Sehen wollen wir sowieso nur, was. Wir sehen wollen. Dass dazwischen eine Welt, zerlegt in Asche und Schutt, dass. Darüber werde ich schweigen, und. Worüber ich schweige, dass ist nie passiert. Für mich nie passiert. So wie, denke ich dann, natürlich. Der Gedanke daran, tatsächlich. Ein Kurzschluss, der. Er durchbricht meinen Leerlauf, täglich. Nur weiß ich nie, wann. Und für wie lange, wenn.

„War da bei der Hinfahrt auch keine Sperre mehr, oder?“, fragt sie mich, aber. Ich zucke die Schultern und meine, ich hätte gerade nicht aufgepasst, oder. Tatsächlich habe ich auch schon bei der Hinfahrt zum Theater nicht aufgepasst, weil. Natürlich, erscheint mir nur mehr alles, was ich unter blauem Licht sehe, denn. Das ist mein Fluchtpunkt, weil. Die tatsächliche Wirklichkeit verschwimmt, innerhalb. Aber außerhalb der Echokammer, da kann ich nur stundenweise überleben, seit. Da verhallt das Echo viel zu, schnell bin ich da nur eine Echo, aber. Ohne Widerhall schaffe ich es nicht, zu. Behaupten kann ich mich schon lange nicht, behaupte aber. Dann. Wir fahren von der Autobahn ab, da. Ich hebe den Blick, sehe zur Brücke hinauf, dann. Ich sehe jemanden auf der Brücke stehen, und. Das mit dem strömenden Regen, das. Das mit dem schlierenden Beton, das. Eine Sage, ein Klischee, eine nicht tragende Wand. Ich sehe jemanden sich von der Brücke hinunterfallen, nur. Es reißt, mich Es.

Eigentlich. Müsste ich jetzt zu ihr sagen, hast du das auch gesehen, aber. Ich weiß, sie hat es nicht, gesehen, oder. Ich müsste sagen, weißt du, was mir gerade vorgekommen ist, aber. Ich kann weder den einen noch den anderen Anfang gebrauchen, denn. Solange ich nur darüber schweige, nicht? Solange ich nur nicht höhnisch lachend, ja. Nicht ja sage, nicht darüber spreche. Solange kann es nicht. Passieren. Sie sagen, es wird, trotzdem. Sie sagen es im Chor, im Kopf, die Stimmen.

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HORROR VACUI

ich fülle UNS : mit verzierten, verschnörkelten wörtern auf niemand inspiriert mich so wie du funke ich – aber er ist als mensch verkleidetes LÖSCHPAPIER : während ich ornamente male, saugt er mich

AUS

zurück aber bleibt : ICH, ein leerer raum, der unbeschreibbar besteht mit meine liebe, wir sehen uns – aber nicht wieder schwingt einzig er sich als QUERWELLE : durch die abwesenheit in meinem kopf, bis ich mich

STILLE

 

(oder war er : das lösungsmittel
für meinen fehlenden mut
zur freien fläche?)

LAND UNTER

das einzig zulässige gefühl in ÖSTERREICH und für ÖSTERREICH kann immer nur VERACHTUNG sein. mir wär’s auch lieber, ALLE ÖSTERREICHER*INNEN würden sich vermummen, dann müsste ich nicht STÄNDIG in diese verlogenen, sich gegenseitig aneinander aufgeilenden FRATZEN blicken und wie ALLE immer empört sind, dass jenes und dieses im jahr 2017 (!) doch nicht mehr möglich sein könne. so als wären wir schon viel WEITER, viel ZIVILISIERTER als noch vor 50 jahren und könnten uns deswegen MORALISCH überlegen fühlen. dabei gibt es in ÖSTERREICH keinen eklatanten unterschied zwischen 2017 und 1950 oder 2017 und 1979, außer dass wir das BIER jetzt net mehr in schilling, sondern in euro bezahlen.

ad ÖSTERREICHISCHE WAHLEN

wahlen werden in ÖSTERREICH – wie alles andere – nur abgehalten, weil sie ein grund zum trinken sind. ÖSTERREICHER*INNEN, die nach einer wahl keinen alkohol konsumieren, verlieren automatisch die ÖSTERREICHISCHE staatsbürgerschaft und somit auch ihr wahlrecht.

ad ÖSTERREICHISCHE TRACHT

es gibt seit KURZem wieder ein GEMEINSCHAFTSGEFÜHL in ÖSTERREICH, auch: es gibt ein GEMEINES SCHAFFENSGEFÜHL in ÖSTERREICH. das CREDO lautet: „GEMEINSAM SCHAFFEN WIR ES: AUSLÄNDER RAUS!“ oh, diese FREUDE der ÖSTERREICHER*INNEN endlich wieder ihre TRACHT, ihre NIEDERTRACHT, aus dem Schrank zu nehmen und öffentlich tragen zu können.

ad ÖSTERREICHISCHE BALZ

in ÖSTERREICH reicht es, by the way, als frau, ein bier auf ex zu trinken – dann nimmt dich jeder ÖSTERREICHISCHE mann mit nach hause, wenn er genug selbstbeherrschung hat, that is, sonst nimmt er dich gleich hinter der bar.

ad ÖSTERREICHISCHE LITERATUR

das wichtigste für ÖSTERREICHISCHE schreiber*innen ist VERACHTUNG für ÖSTERREICH. ÖSTERREICHISCHE schreiber*innen, die ÖSTERREICH nicht verachten, zählen demnach nicht zu den ÖSTERREICHISCHEN schreiber*innen, sondern zu die LEIT, und infolge dessen auch zur LEITKULTUR. mit die LEIT teilen die ÖSTERREICHISCHEN schreiber*innen nur ihre liebe zu WEIN und BIER. BIER und WEIN sind wiederum essenzieller bestandteile der LEITKULTUR, die von den ÖSTERREICHISCHEN schreiber*innen verachtet wird. der widerspruch fällt aber niemanden auf, da ALLE ständig betrunken sind.

TANZEN AUF DER BALKONAGE

(KUBATUR, in „Verona“)

Wir bauten uns was auf, wir bauten uns ein HAUS. Und? Das hatte sogar einen BALKON. Aber? Der war an der Außenwand angebracht. Und? Ich war dort ausgesperrt. Er ließ mich nicht hinein, er wollte nicht, dass ich das Interieur sehe. Aber? Ja, dort zu warten. Ja, dort vor Sehnsucht zu vergehen: Das war ROMANTISCH. Und? Einsam. Aber? Keines. Und? „Bleib’ auf dem Balkon Julia“, schrieb er mir. Aber? Dafür war es längst zu spät.

(NEUBAU, in „Planung“ )

Und? Ich hab aus eurer Julia eine Sirene gemacht, sie kann nun jede Stimme singen. Aber? Die Häuser stehen noch, die BALKONAGE auch. Und? Vorhang auf! In jeder Stadt tanzt sie auf einem anderen Balkon. Aber? Eure Häuser interessieren sie herzlich wenig, net bös’ sein, bussi. Und? There is no difference between ANBAU and VORSATZ. Aber? „Lehn dich nicht zu weit übers Geländer“, wird sie gewarnt. Und? Sie passt eh auf. Sie will ja nicht. Aber.

frostnächte

ich texte violett : früher war alles kobaltblau, jetzt färbt sich alles pink rot („a wound is neeeded for infection“) / eigentlich will sie nur über dinge schreiben, die nicht in ihrem kopf sind / ich versuche, meine gefühle umzuweiseln, weil sie sagen, dass es wieder KALT werden wird / es kann nur eine königin geben, für sie bleibt nur S. als krönung 

es ist nie zu spät, sie soll ihre geschichte trotzdem erzählen / wahrscheinlichkeitsbaum : windbruch : schneebruch : blitzschaden : AXT / was eingeschrieben ist in ihren körper, müsste sie genauestens beobachten / ich verwende bier als frostschutzberegnung, ich gebrauche tinder als frostkerze (beides bleibt ein wirkungsloses aber)

ich steige auch in einen zug, steige auch wieder aus, komme auch bei Niemanden an / bedrohlich, bedrohlich wie S. für sie ausweg und ausweglos ist / nur Niemand fällt sichtbar in ich beobachtend : beobachtetes ich, was bleibt, ist immer nur PRÄZISION / gegen ihre infektion, gegen ihr er:frieren gibt es keine adäquaten methoden

ich verbringe die nächte mit FROST oder,
FROST verbringt seine nächte in mir

AUF WELCHER SEITE DER JALOUSIE?

AUF WELCHER SEITE
DER JALOUSIE?

ich hab dir nie erzählt, wie oft ich mich für uns entschieden habe, ziehe ich die endlosschnur solange im kreis, bis du mich FREI im blick hast, ohne sichtschutz zeige ich mich OFFEN. dann erzähl es mir! erzähl es, aber mit mehr wörtern, verlangst du, weiter, öffne dich noch ein bisschen weiter. zu schnell kleben wir an unseren händen, triefen wir aus unseren fingern, aber als text, in unseren köpfen treiben wir

(manchmal immer noch)

ES, nur unsere körper : reminiszenzen wen vermissen sie, während wir uns gegenseitig als papeterie benutzen? fragen wir nicht, sondern verwechseln es – papier ist geduldig! unser papier ist so, so geduldig! – lieber mit peripetie, schreiben uns als einzigartige anagnorisis. blende mich weiter ein! MEHR! MEHR! MEHR!, ziehen wir immer heftiger (an uns), während wir ausblenden, dass es keine katharsis mehr gibt

wir streuen trotzdem weiter TEXTE in unsere wunden
abwesenheiten bleiben aber nie auf derselben seite