entzünden /

eine geschichte als starter : die sätze legen sich auf meinen körper wie magnesiumsplitter; der letzte punkt entzündet das feuer; in sekunden FRESSEN sich die flammen durch das plastik, das mich umwickelt : ich ein inferno

ich stehe erneut ‚vor der letzten aller türen’ mit anderen entzündeten : wir spielen „was-wäre-gewesen-wenn“; wenn wir denken, dann eine welt, in der wir von diesem ort nicht wussten : „warum“ ist hier keine frage, sondern die einzige antwort

der geruch nach verbranntem FLEISCH erinnert noch einige tage : die verletzungen liegen längst wieder luftdicht verpackt unter kunststoff; mit jeder schicht steigert sich die taubheit : darunter schwelen erschütterungen; darunter klingt schuld nach

(was immer bleibt? die angst vor entzündungen)

 

projekt *.txt: das wort lautet splitter.

 

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mittlerweile

Auch 2016 wird das Projekt *.txt von Dominik Leitner fortgeführt, worüber ich mich sehr freue, weil es mir Gelegenheiten ermöglicht, neue Texte, neue Textideen umzusetzen.

Das letzte Wort für 2016 lautet: mittlerweile. und weil 2016 mitterweile auch fast vorbei ist:

mittler.weile, eine silvestergeschichte_

auf der glatten bildschirmoberfläche des laptops spiegelt sich die lichterkette vor dem fenster. bei jedem geschriebenen buchstaben zittern die gelben punkte. das disharmonische klappern der tastatur – zwei wörter schreiben, drei löschen, fünf neue tippen – wird nur unterbrochen vom nachrichtenton ihres smartphones, den sie ignoriert, weil facebook-silvester-gruppe. sie nimmt einen schluck von ihrem eiskalten laško, neben dem ihr längst kalt gewordener coffee (von vor einer stunde) und der abgestandene tee (von gestern) steht. rülpst. isst ein paar paprikachips. bis zur deadline hat sie noch eine stunde und 43 minuten. bis zum neuen jahr sind es noch drei stunden und 43 minuten. sie muss noch immer 3.146 zeichen schreiben, zeigt ihr word an. bevor sie aus der gedanklichen pause zum text zurückkehrt, unterbricht johnny cashs „walk the line“ ihren arbeitsablauf. sie lauscht kurz den anfangstakten, dann hebt sie ab. „was gibt’s?“, fragt sie reflexartig. alles, was sie auf der anderen seite vernimmt, ist laute musik. „anniiiiiiieeee? warte kurz“, schreit ihre freundin in die leitung. dann wieder geräusche, eine tür. anna nimmt noch einen schluck vom bier und verdreht die augen. „so, sorry, jetzt bin ich draußen“, keucht bianca ihr entgegen, so als wäre sie gerade einen halbmarathon gelaufen. „wo bist du? warum bist du noch nicht da?“, fragt sie. „ich feile noch an meinem text, ich weiß nicht, ob ich es noch schaffe“, antwortet anna. „vergiss den text, silvester ist nur einmal. außerdem dachte ich, du bist eh schon fertig?!“ „eh“, lügt anna, während sie mit dem kugelschreiber spiralen auf ihren unterarm zeichnet. und sich denkt, dass silvester doch jedes jahr und jedes jahr ziemlich das gleiche ist. „aber du kennst mich ja: perfektionistin…“ sie kann direkt spüren, wie bianca die augen verdreht. „ja, okay. aber es ist wirklich, wirklich genial. pete hat seine killer-bowle mitgebracht uuund warum ich eigentlich auch anrufe“ – dramatische pause – „ich glaube, dass marco mir heute einen antrag macht.“ einige sekunden herrscht stille. anna überlegt, was sie darauf sagen soll und warum zur hölle bianca sie deswegen überhaupt anruft. „uuund was sagst du dazu?“, bohrt diese nach. „gratuliere“, antwortet anna. während bianca irgendwas von ringen und vorahnungen erzählt, umrahmt sie die spiralen mit zäunen. „das wär’n gutes neues coverbild für fb“, denkt sie sich. „voll genial“, sagt sie zu bianca. „du, ich muss jetzt weitermachen, damit ich auch mal schluss machen kann für heuer“, unterbricht sie den redefluss der freundin. „schick mir dann fotos vom ring usw.“, fügt sie hinzu. dann hört sie wieder musik. legt das handy beiseite. seufzt, streckt sich, zieht an einer haarsträhne. löscht die geschriebenen 1.854 zeichen. „sowieso egal“, denkt sie. zufrieden wäre sie sowieso nicht gewesen mit dem text und auf die 200 Euro mehr am Konto kam es momentan auch nicht an.

„sry, hab’s leben ausgestellt“, ändert sie ihren status auf whatsapp. dann stellt sie das smartphone auf flugmodus. sucht auf youtube nach einer dieser klassischen-musik-playlists und legt sich auf den kalten parkettboden. versucht, die augen zu schließen, während sich die welt in ihrem kopf immer schneller zu drehen beginnt. eigentlich, ja eigentlich findet sie jahresresümees sinnlos, aber es ist wohl auch zu sehr teil ihrer kulturellen dna, als dass sie das jahresende völlig ausblenden könnte.

und es hatte sich ja nicht wirklich etwas getan, vielleicht war sie tauber geworden oder vielleicht hatte sie auch nur gelernt, alles lockerer zu nehmen. die trennung im frühjahr war voll okay gewesen, aber die beziehung zu paul war eben auch immer an der oberfläche geschrammt – irgendwo zwischen kinofilm- und restaurants-kritiken. die funkstille zwischen ihr und bianca von mai bis august war da schon schwerer zu verkraften gewesen. geweint hatte sie deswegen nicht. eigentlich hatte sie gar nicht, abgesehen von dem einen mal als sie den zug versäumt hatte. an diesem chaotisch katastrophalen arbeitstag, und die eine stunde warten, obwohl sie sowieso schon zu spät dran war, weil paul eigentlich für sie gekocht hatte. und da war sie dann am bahnsteig gesessen, noch voll außer atem, hatte dem zug nachgeblickt und einfach geheult, weil das leben so scheiße war.

aber abgesehen von diesen normalen katastrophen war 2016 relativ harmlos verlaufen. dennoch kam es ihr wie das schlimmste aller jahre vor. aber vielleicht war ihr das jahr auch nur tragischer vorgekommen, weil die welt an sich sooft kopf zu stehen schien. angefangen von brexit über trump bis hin zum bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebungsdebakel. und aleppo_ nicht zu vergessen.

sie schüttelt den kopf, steht langsam wieder auf, schnappt sich die zigaretten vom tisch und wirft sich den mantel über. drei stockwerke nach unten, haustür, draußen ist es kalt, es schneit leicht. eine dünne schneeschicht liegt über den autos und dem asphalt. sie atmet den rauch tief ein und fühlt, wie sie sich entspannt. eigentlich sollte sie nicht mehr rauchen, aber eigentlich ist ihr das mittlerweile auch ziemlich egal.

„fuck you, 2016“ schreibt sie in den schnee und drückt die zigarette in der mitte der null aus, bevor sie zurück in ihre wohnung geht. dann dreht sie die heizung höher auf, weil ihre finger eiskalt sind, kuschelt sich unter ihre drei decken und schläft nach einigen meds mit bier genommen ein, während sich luke und lorelai in der sommerfolge im hintergrund streiten.

draußen läutet die welt 2017 mit noch mehr alkohol und silvesterraketen ein.

„bock im neuen jahr zu ficken? ;)“, schreibt ihr franz um 00:12 Uhr auf whatsapp.

zählen

tl;dr: fragment, eines abends. ++ ich habe jetzt auch eine fb-page [im aufbau begriffen], falls mir dort jmd. folgen mag: liawriting.

lass uns,
lass uns bitte nur-
lass uns, lass uns bitte bis_

lass uns über betrunkene metaphern reden.
ich wäre gern die kohlensäure in deinem bier.
ich würde gern…
what?! pass auf, du verschüttest doch alles.
pass auf, das glas zer:bricht_

schrilles,
sch-sch-schrilles gelächter

lass uns bitte, bitte,
lass uns bis eins-
lass uns bitte nur bis_

lass uns deepe gespräche über abregend aufregendes führen.
ich erzähle meine geheimnisse, solang die nacht…
ich öffne mich zu…
… :::: … |||
… :::: … |||

rauschen,
n-n-nichts als rauschen.

lass uns bitte bis eins,
lass uns bitte, bitte bis-
hey, lass mich ausreden
lass uns bitte bis eins zählen.
nur einmal.
lass uns bitte nur ein einziges mal bis eins zählen.
lass uns auf drei bis eins zählen_
3…2…1
bitte.

 

1.

Wahrheiten eines inkohärenten Systems sezieren

Auch 2016 wird das Projekt *.txt von Dominik Leitner fortgeführt, worüber ich mich sehr freue, weil es mir Gelegenheiten ermöglicht, neue Texte, neue Textideen umzusetzen.

Das sechste Wort lautet: ‘weiß


W
ahrheiten Eines Inkohärenten Systems Sezieren


ZWEI

Der Himmel färbt sich tiefrot.
Dann wird alles dunkel, fast schwarz.

NULL

Ein leichter Windhauch bringt die Blätter zum Rascheln, durch die Äste bahnen sich Sonnenstrahlen ihren Weg und zeichnen Muster auf die gelb-blau-karierte Picknickdecke, die gerade etwas zu kurz ist, sodass die darüber hinausstehenden Füße vom etwas zu langem Gras gestochen werden.

EINS

„Du kannst alleine nicht die Welt, nicht die Ungerechtigkeit, nicht die Systeme verändern, dazu musst du dich (politisch) engagieren.“ Aber das Netz der Zeit ist so dicht um uns verwoben, dass wir keine Horizonte erkennen können. Und in dieser Dunkelheit gefangen, spüre ich Panik, weil ich die Fragen zu meinen Antworten nicht weiß. — Vielleicht war meine Gretchenfrage schon immer: „Wie hältst du’s mit dem Aktivismus?“

SECHS

Es wird schwarz,
dann weiß,
dann endlich: Stille.

Bruch::stellen der Einsamkeit

Bitterschokolade

„Wusstest du, dass wir jetzt auch Eis in unserem Sortiment haben?“ Ich bin spät dran, aber ich bleibe trotzdem stehen. Ich lächle. „Hast du Zeit, eines zu probieren?“ Nein habe ich nicht, aber ich sage trotzdem ja. Folge meinem Nachbarn in sein Geschäft. Sekunden später verabschiede ich mich mit einer Kugel Bitterschokolade, die cremig süß auf meiner Zunge zergeht. Als ich mir am Abend daheim die Hände wasche, sehe ich im Badezimmerspiegel zwei braune Punkte an meiner Nasenspitze.

Pfefferminztee

„Soll ich aufstehen?“ frage ich mich und starre in die Dunkelheit des Zimmers. Ich kann nicht einschlafen, mein Mund fühlt sich trocken an und an meiner Wirbelsäule klettert ein dumpfes Schmerzgefühl gen Nacken. Ich sehne mich nach meinem eigenen Bett, da würde ich dann einfach die Nachttischlampe anknipsen, meinen Laptop aufklappen und eine Episode Friends anschauen, um mich zu beruhigen. Aber ich bin in seiner Wohnung und trotz seines „Fühl dich wie zuhause.“ fühle ich mich fremd. Aber dann überwiegt mein Durst und ich tapse langsam zur Kochnische, drücke den Knopf des Wasserkochers nach unten, betrachte das leuchtende Dunkelblau. Das Geräusch des Gerätes ist in der Stille viel zu laut, ich wende meinen Kopf zum Bett, bin beruhigt, als ich sehe, dass er nicht aufgewacht ist. Reiße ein Päckchen Tee auf, hänge den Teebeutel in die überdimensionale orange Tasse und fülle sie mit Wasser. Der Akku meines Smartphones hat schon vor Stunden, als wir noch wach im Bett lagen, den Geist aufgegeben. Also brauche ich eine andere Ablenkung, ziehe wahllos ein Buch aus seinem Bücherregal, schleiche, bewaffnet mit Lesestoff und Flüssigkeit, am Schlafplatz vorbei ins Bad. Knipse das Licht an und betrachte mich im Spiegel. Flüchtig. Setze mich auf den grünen Ikeateppich am Boden und lehne meinen schmerzenden Rücken gegen den kalten Badezimmerschrank. Schlage das Buch auf – es dreht sich um Freuds Psychoanalyse. Mein Es und mein Über-Ich ringen miteinander, während ich in die Welten der Träume eintauche.

Süßer Wein

„Alles in Ordnung? Du bist auf einmal so blass.“

„Ja, ich glaube nur, ich werde krank,“ antworte ich, während mein Gesicht zu glühen beginnt und kalte Schauer durch meinen Körper jagen. „Ja, die Welt hat sich nur gerade wieder einmal als ein bedrohlicher Ort, dessen Regeln ich einfach nicht verstehe, erwiesen,“ wäre die ehrlichere Antwort gewesen. Dann nehme ich einen großen Schluck Wein und zumindest der schmeckt süß. Dann müssen wir uns nicht mehr unterhalten, weil das Theater beginnt.

Gauloises

Es bleibt seltsam unbefriedigend. Ich dusche, lege mich ins Bett und bekomme eine Nachricht: „Du müsstest schon JETZT herkommen.“ Ich stehe wieder auf, ziehe mich an und steige in die nächste Straßenbahn.

Penne, al dente

Ziellosigkeit verbinde ich mit Supermärkten, weil ich immer durch die labyrinthartigen Gänge hetze, ohne etwas kaufen zu wollen. „Aber du musst etwas essen.“ flüstere ich mir selbst zu. Dann stehe ich vor dem Regal mit den Teigwaren. Mein Blick wandert von einer Sorte zur anderen. Will ich Spaghetti? Will ich Fleckerln? Soll ich auch eine Tomatensauce kaufen? Plötzlich brennen mir die Augen und ich muss Tränen zurückhalten. Ich will gar nicht für mich alleine Essen kaufen. Ich will nicht in mein Zimmer zurückgehen, in dem niemand auf mich wartet. Ich sehe unsere alte Wohnung vor meinen Augen, wie ich die Tür aufschließe, wie du da bist und mich nervst, weil du nicht eingekauft hast, wie ich mit dir über die Welt diskutiere, wie ich das alles kaputt gemacht habe. Ich schlucke und entscheide mich für die Penne.

DU

Das erste Mal über dich geredet, ohne dass meine Stimme weinerlich wurde; ohne dass meine Augen brannten. Ein Jahr. Über ein verdammtes Jahr ist es her, seit wir uns zum letzten Mal gesehen haben. „Was würdest du denn tun, wenn du ihn jetzt wiedersehen würdest?“ Ich kuschele mich mit meinen Kopf an seine Brust, streiche die Adern an seinen Armen mit meinen Fingern nach.